Kompressoren verstehen oder die Sache mit deiner Mutter

VSC-3 von Vertigo Sound

Kompression – ein Warum!

Egal ob du dich mit Recording, Mixing oder Mastering beschäftigst: Am Thema Kompression und dem Tool, dass das möglich macht – dem Kompressor – kommst du nicht vorbei. 

Du setzt Kompressoren in der Tontechnik und Audiobearbeitung immer dann ein, wenn du die Dynamik deiner Einzel- oder ganzer Summensignale bearbeiten möchtest. Also entweder einzelne Instrumente, Instrumentengruppen/Busse, den ganzen Song oder auch einzelne Frequenzbereiche und Zeitabschnitte eines Signals. Du kannst einzelne Pegelspitzen abfangen, die komplette Dynamik verdichten, ganze Mixe „zusammenschweißen“ und das Ein- und Ausschwingverhalten beeinflussen.

Was hat das mit deiner Mutter zu tun? 

Vor längerer Zeit habe ich bei Recherchen zu meinen Blogbeiträgen mal eine sehr schöne Erklärung für die einzelnen Parameter und die Funktionsweise eines Kompressors gefunden. Ich finde sie so gut, dass ich sie dir nicht vorenthalten möchte. Ich glaube danach ist dir wesentlich klarer, wie ein Kompressor arbeitet. Leider kann ich dir den ursprünglichen Autor dieser Idee nicht mehr benennen.

Vorher möchte ich Dir jedoch ein einfaches Kompressor-Plugin zeigen. Hier ein natives Plugin aus Presonus Studio One. 
Dort sind auch die wichtigsten Parameter und Regelgrößen zu erkennen, die die meisten (VCA-)Kompressoren besitzen:

Wichtig sind zunächst die Parameter: Treshold, Ratio, Knee, Attack und Release.

Stell dir nun folgendes vor:
Du sitzt in deinem Jugendzimmer und hast gerade so richtig Bock die neue Platte deines Lieblingskünstlers zu hören.
Zunächst hörst du die Platte vielleicht bei moderater Lautstärke. Aber irgendwann drehst du die Platte dann doch lauter. Und vielleicht noch lauter, weil du sie so gut findest. Irgendwann stürmt deine Mutter ins Zimmer und möchte das du die Musik leiser drehst. Natürlich machst du es. Sie ist ja immerhin deine Mutter.

In diesem kleinen Bildnis, ist die Funktion des Kompressors und die einstellbaren Parameter perfekt dargestellt:

Treshold

Deine Mutter kommt erst ins Zimmer, wenn du deine Musik auf eine gewisse Lautstärke gestellt hast. Das ist der Treshold. Der Kompressor beginnt erst mit seiner Arbeit, wenn ein bestimmter Schwellenwert überschritten wurde. Bei Unterschreiten des Schwellenwertes, beginnt dieser nicht mit der Arbeit.
Deine Mutter wird das Zimmer nicht betreten oder sich gestört fühlen, so lange du eine bestimmte Lautstärke nicht überschreitest.

Ratio

Deine Mutter reagiert natürlich mit unterschiedlicher Intensität auf deine laute Musik. Manchmal bittet sie dich, etwas leiser zu machen, machmal ist sie schon recht erbost und du kannst froh sein, dass du die Musik überhaupt noch laufen lassen kannst. Das ist die Ratio.
Ein Signal wird in den Kompressor geschickt, überschreitet dort den Treshold-Wert und wird um die eingestellte Ratio heruntergeregelt.
Angenommen der Tresholdpegel wird um 10 dB überschritten und die Ratio ist auf 5:1 eingestellt. Dann wird das Signal am Ausgang mit 2 dB ausgegeben. 
(10 dB : 5 = 2 dB).
Wird der Treshold um 4 dB überschritten und die Ratio auf 2:1 eingestellt, findest du am Ausgang einen Pegel von 2 dB (4 dB : 2 = 2 dB) .

Ab einer Ratio von 10:1 wird ganz klassisch bereits von Limiting gesprochen.

 

Attack

Deine Mutter steht gerade in der Küche und hört irgendwann die (ihrer Meinung nach) viel zu laute Musik. Sie rennt aus der Küche, die Treppe hoch, den Flur entlang bis zu deinem Zimmer. Hierzu benötigt sie eine gewisse Zeit. Ist sie gerade im Bad neben deinem Zimmer, benötigt sie natürlich nicht so viel Zeit.
Die Attack-Zeit bestimmt also wie lange deine Mutter benötigt – Entschuldigung – der Kompressor braucht, um mit der Kompression des Signals zu beginnen.
Bei sehr kurzen Attackzeiten wird das Signal direkt nach Überschreiten des Treshold um die Ratio komprimiert. Bei langen Attackzeiten entsprechend später. Nach Ablauf der Attackzeit hat der Kompressor 2/3 der eingestellten Kompression erreicht.
Du hast wahrscheinlich auch schon etwas von den sagenumwobenen Transienten gehört. Jedes Signal hat eine Einschwingphase, die mehr oder weniger lang ist. Bei einer Snare ist diese kürzer, als bei einem langsam anschwellenden Sythie-Ton. Es ist mal mehr, mal weniger erwünscht, die Transiente eines Sounds zu zerdrücken oder hervorzuheben (z.B. um den Kick einer Bassdrum zu reduzieren oder Vocals präsenter zu machen etc.)

Release

Deine Mutter bleibt vielleicht noch kurz im Raum stehen und wartet darauf, dass du die Musik leiser machst, vielleicht bleibt sie auch vor der Tür stehen – weil sie dich Halunken ja kennt. 
Die Releasezeit bestimmt quasi die Zeit, in der der Kompressor das Signal „bearbeitet“. Richtigerweise muss man auch hier sagen: Nach Ablauf der Releasezeit hat der Pegel wieder 2/3 des Ausgangspegels erreicht. 

 

 

Knee

Mit dem Knee-Parameter stellst du ein, wie weich oder hart die Kompression nach oder vor über- und unterschreiten einsetzt. Bei einer Hard-Knee-Einstellung reagiert der Kompressor erst nach wirklichem Überschreiten des Treshold. Bei softeren Knee-Einstellungen ist diese Tresholdgrenze etwas verwaschener.

Gain

Du weißt, dass der Kompressor den Eingangspegel um den Faktor der Ratio reduziert und diesen dann am Ausgang ausgibt. Oft kann es aber hilfreich sein, den „verlorenen“ Pegel wieder aufzuholen. 
Z.B. dann, wenn du den Mix nur verdichten wolltest, also die Dynamik einschränken wolltest und dennoch Lautstärke rausholen möchtest. 
Beim Einfangen von Pegelspitzen, wirst du den reduzierten Pegel eher nicht wieder aufholen.

Wo setze ich Kompression nun ein?

Im Folgenden werde ich ein paar Beispiele nennen, in denen Kompression sinnvoll sein kann. Sie ist kein Muss – aber sie kann ein Signal „stabiler“, konstanter und einen Mix oder Master lauter, druckvoller, ausgewogener und präsenter machen. Sie kann gruppierte Instrumente „zusammenkleben“ oder die Dynamik ausgewogener machen. Kompression kann auch künstlerisch eingesetzt werden, indem ein Pumpeffekt erzeugt wird oder Signale immer nur dann komprimiert werden, wenn ein bestimmtes anderes Signal erklingt … Aber dazu mehr in einem anderen Blogartikel.

Hier eine Fülle an Einsatzbeispielen:

  1. Die Vocals setzen sich in einem Mix nicht immer richtig durch. Eine Snare sticht im Mix manchmal zu sehr hervor. Ein Kompressor kann sowohl die Dynamik einschränken, damit man die Lautstärke der Spur weiter erhöhen kann. Er kann auch Pegelspitzen abfangen (Beispiel der Snare).
  2. Auf dem Mixbus oder einer Subgruppe eingesetzt, kann der Kompressor die Einzelsignale zu einem homogenen Gesamtsignal verdichten. Hier spricht man auch oft von Glue-Compression (siehe SSL Buscompressor)
  3. Die Snare deiner Produktion klingt zu schnell aus oder hat einen zu harten Attack. Kein Problem! Mit einem Kompressor kannst du diese Probleme bearbeiten. Noch wesentlich besser kannst du diese Dinge allerdings mit einem Transientshaper (z.B. dem Transientdesigner von SPL) lösen.
  4. Du möchtest die Dynamik im Mastering einschränken, um danach mehr Lautheit zu erzeugen.
  5. In der elektronischen Musik ist es häufig so, dass eine Synthiefläche immer leiser wird, wenn die Bassdrum spielt. Über einen sogenannten Sidechaineingang steuert die Bassdrum den Kompressor auf der Synthiefläche und reduziert dann deren Lautstärke. Dies nennt man Ducking. Dies kann z.B. auch dabei helfen, Bass und Bassdrum nmehr zur Einheit zu verschmelzen oder Hintergrundmusik bei Voiceover (z.B. in Podcasts, Radiosendungen etc.) hinter die Stimme zu bringen.

Die Liste der Anwendungsmöglichkeiten könnte ewig fortgeführt werden. In weitere Blogbeiträgen werde ich noch auf 

eingehen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.