Stereosichtgerät / Goniometer verstehen und anwenden

Das Stereobild sichtbar machen

Erinnere dich an meinen Artikel zum Phasemeter / Korrelationsgradmesser. (Das Phasemeter – Die Phasen im Blick) . Zu Beginn des Beitrages hatte ich bereits folgende Abbildung gezeigt:

Hier siehst du das Phasemeter Plugin von Presonus, welches in Studio One enthalten ist.

Damals ging es um den unteren Balken im Bild. Nun beschäftigen wir uns mit der sternförmigen Anzeige darüber (die den größten Teil der Anzeige ausmacht).

Du siehst hier ein sogenanntes Stereosichtgerät oder Goniometer. Und ja, du hast Recht: Beide Messgeräte werden oft zusammen dargestellt.

Auch mit dem Stereosichtgerät kannst du – genau wie mit dem Phasemeter – die Phasenbeziehung von Kanälen zueinander sichtbar machen. Neben der Phasenlage bekommst du hier aber auch einen guten optischen Eindruck über die Stereobreite der Signale sowie die Richtung aus der diese hauptsächlich kommen. Es handelt sich dabei also um ein zweikanaliges Sichtgerät.
Die sichtbare „Wolke“ auf dem Stereosichtgerät wird auch Lissajou-Figur genannt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Lissajous-Figur)

 

Wie ist die Anzeige zu lesen?

Die Senkrechte stellt dabei den Pegel dar. Diese kann auch nach rechts oder links gekippt sein. Je nachdem ob auf den Kanälen unterschiedliche Lautstärken anliegen oder der Mix aus der Balance ist. Die Waagerechte zeigt die Stereobreite.

So kann dir das Stereosichtgerät relativ schnell zeigen, ob das Signalgemisch eines Mixes oder Masters zu sehr von rechts oder links kommt, ob ein enges oder breites Stereobild vorliegt oder ob sich möglicherweise Phase auslöschen.

 

Hier ein paar Beispiele:

Die Situation: Das Stereosichtgerät befindet sich im Insert deines Main Outs bzw. eines Stereo Outs (Kanäle Links und Rechts). Wiedergegeben wird ein Stereosignal (z.B. dein letzter Track).

In der folgenden Abbildung liegt das Signalgemisch – dargestellt durch die blaue Wolke -, größtenteils in der Mitte. Der Mix kommt also größtenteils aus der Mitte und ist ausgewogen auf die Seiten verteilt. Du kannst davon ausgehen, dass deine Mischung monokompatibel ist. Auf dem Phasemeter wird vermutlich etwas zwischen 0 und +1 dargestellt.

In der nächsten Abbildung hingegen kommt die Signalmischung deutlicher von rechts. Die blaue Wolke ist deutlich nach rechts gekippt. Die Darstellung zeigt dir, hingegen auch, dass das Signal nicht nur von rechts kommt.

 

… und andersherum: Der Mix kommt größtenteils von rechts, aber eben nicht nur:

In der 4. Abbildung kannst du sehen, dass das Signalgemisch bzw. der Mix in großen Teilen gegenphasig ist. Hier solltest du hellhörig werden! Dein Mix wird unglaublich räumlich und breit klingen, aber nicht monokompatibel sein. Außerhalb des Sweetspots deiner Abhörsituation (Studio, Wohnzimmer etc.) wird der Mix kollabieren. Hörbar machen kannst du diese fehlende Monokompatibilität, indem du in Mono abhörst. Schrecklich, oder?

 

Und bei Monosignalen?

Das Monosignal kommt aus der Mitte – beide Signale Rechts und Links sind identisch:

 

Das Monosignal kommt nur von rechts. Der linke Kanal ist nicht bespielt:

 

Das Monosignal kommt nur von links. Der rechte Kanal ist nicht bespielt:

 

Hier sind der linke und rechte Kanal voll gegenphasig. Beide Eingangssignale sind identisch, aber in der Phase um 180° zueinander gedreht. In einem Monosystem löschen sich die Kanäle gegenseitig aus. Du hörst erneut: Nichts.

 

Besonderheiten bei Sinuswellen:

Eher selten, aber  erklärenswert sind folgende Darstellungen:

Gibst du jeweils einen Sinuston auf den rechten und den linken Kanal und verschiebst diese um 90° zueinander , siehst du einen Kreis.

 

Phasenverschiebungen bei zwei Sinustönen, welche kleiner als 90° sind, zeigen sich in einer vertikal liegenden Ellipse:

 

Phasenverschiebungen zwischen 90° und 180° zeigen sich durch eine liegende Ellipse:

 

Ein zu breiter Mix:

Als letztes Beispiel möchte  ich dir noch einen sehr breiten Mix zeigen. Das Stereobild ist extrem weit und die „Wolke“ recht flach dargestellt. Dein Mix wird breit und räumlich, jedoch auf einem Monosystem oder außerhalb des Sweetspots deiner Abhöre eher dünn uns seltsam klingen. 
Hier sollte man dringend dafür sorgen, dass die Stereobasis enger gehalten wird.

 

Fazit

Nimm sowohl den Phasenkorrelationsmesser, als auch das Stereomessgerät während des Mischens immer wieder mal ins Auge. Es bringt häufig nichts, einzelne Spuren oder Sounds in den Blick zu nehmen. Maßgeblich für eine gute Monokompatibilität ist immer der Gesamtmix bzw. das gesamte Signalgemisch. 

Ein Track kann in Strophe und Refrain völlig okay und in Phase sein, aber  in der Bridge, wo nur Synthiepads, Streicher o.Ä. klingen in die Phasenauslöschung geraten. Dann solltest du dir die einzelnen Spuren genauer anschauen:

Wurden Plugins zur Stereobasisverbeiterung eingesetzt? Nimm sie zurück!
Verschiebe den Abstand des linken zum rechten Kanal eines Signals um wenige Millisekunden!
Schaue, ob Phaser- oder Choruseffekte die Phasenauslöschung beeinflussen!
Wie sieht es mit möglichen Latenzen der Plugins aus? Ist die Latenzkompensation deiner DAW eingeschaltet?
Panne den linken und rechten Kanal eines Signals mal mehr und weniger weit auseinander. Was ändert sich?
Bearbeite den linken und rechten Kanal mit unterschiedlichen EQ-Einstellungen.

Die Liste der möglichen Ursachen und deren Lösungen sind vielfältig. Hier hilft ausprobieren und Goniometer beobachten. Und denke daran: Der Gesamtmix zählt!

Vergiss nicht:
Auch wenn du im Studio den breitesten Sound hinbekommst, wie klingt er vielleicht auf den Anlagen anderer Hörer. Ist der gemischte Track noch monokompatibel und funktioniert via Handy oder gar im Club? 

Und vor der Veröffentlichung deines Tracks auf Vinyl solltest du wirklich genau hinschauen: Nicht monokompatible Tracks funktionieren hier technisch einfach nicht. 

 

Kostenlose Goniometer als VST-Plugin:

Hat deine aktuelle DAW kein eigenes Goniometerplugin an Bord (was ich nicht glaube) ? Dann kann ich dir folgende, kostenlose VST-Plugins empfehlen:

GON von Maat…
… ist ein ziemlich einfaches Goniometer aus dem Hause MAAT. Kostet nichts und macht, was es soll. Das Plugin liegt als VST, AAX und AU vor. Es unterstützt 32- und 64bit-Systeme.

https://www.maat.digital/gon/


HOFA 4U Goniometer & Korrelator…

… aus dem Hause HOFA kann schon etwas mehr: Du kannst zwischen Korrelationsgradmesser und Stereosichtgerät umschalten, hat eine sehr gute Peak-, Energy- und Holdanzeige, was die Einschätzung der gemachten Messung deutlich vereinfacht. Wieder werden alle Pluginformate sowie 32- und 64bit-Systeme unterstützt.

https://hofa-plugins.de/plugins/4u/


Stereo Tool V3 von FLUX…

… ist wieder ein gut übersichtliches, aber dennoch übersichtliches „Stereo Image und Analyse Tool“. So kann hier der Input Gain eingestellt werden, die Kanäle getauscht, die Kanäle individuell im Panning eingestellt werden. Und die Pluginunterstützung ist wie bei MAAT oder HOFA ebenfalls voll gegeben.

https://www.flux.audio/project/stereo-tool-v3/


Sollte dir auffallen, dass ein Link nicht mehr funktioniert oder du Tipps für weitere kostenlose Analysetools haben, dann schreibe mir gerne!


Quellen:

Friesecke, Andreas (2007). Metering (2. Auflage), PPV Medien

https://de.wikipedia.org/wiki/Korrelationsgradmesser

https://de.wikipedia.org/wiki/Lissajous-Figur

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